• Vanessa

Weshalb macht zu viel Stress krank?

Aktualisiert: 25. Sept. 2019

Oder: Hängt das von den Genen ab?

Hamsterrad

Zu viel zu tun und zu wenig Zeit, schon ist der Stress vorprogrammiert. Stressphasen erlebt jeder, bei der Arbeit, in der Beziehung, mit der Familie und den Kindern oder bei dem Punkt, alles zusammen unter einen Hut zu bringen. Durch die ständige Erreichbarkeit und die digitale Vernetzung nimmt das Potential, gestresst zu sein, immer mehr zu. Burn out und Depressionen sind immer häufiger die Folge. Doch wieso macht uns Stress oft krank? Und sind wir dem hilflos ausgeliefert? Oder hängt das von den Genen ab? Und was passiert dann genau mit unserem Körper, wenn wir an Stress leiden?


Doch zuerst: Was genau ist Stress?


Als Stress (engl. "Druck") wird per Definition “ein Zustand der Alarmbereitschaft des Organismus, der sich auf eine erhöhte Leistungsbereitschaft einstellt“, verstanden.

Geprägt wurde der Begriff durch den Mediziner und Hormonforscher Hans Seyle, der zwischen Eustress und Disstress unterschied. Eustress (von griech. "eu" oder “gut”) umfasst den Stress, der motiviert und dafür sorgt, dass man sich nicht langweilt. Disstress (von lat. "dis" oder "schlecht") übersteigt die persönliche Stress-Bewältigung und ist nicht mehr fördernd, sondern hemmend. Dabei unterscheidet Seyle zwischen drei Stufen der Adaption, also der Anpassung an eine stressige Situation. In der Phase der Alarmreaktion wird die besondere Belastung wahrgenommen. Im Widerstandsstadium gewöhnt man sich an die Belastung und im Erschöpfungsstadium ermüdet oder erkrankt man an der Belastung. Das heisst, negativer Stress, der Disstress, ist über einen kürzeren Zeitraum zu handhaben. Hält dieser jedoch länger an, erkrankt der Körper. Doch weshalb erkrankt der Körper an Stress?


Diese Frage stelle ich mir schon sehr lange, seit ich das erste Mal selbst mit dem Thema stressbedingte Krankheiten konfrontiert wurde. Als ich merkte, dass andere auch negativen Stress bei der Arbeit haben, jedoch vor allem ich körperlich litt. Und ich fragte mich: Sind meine Gene oder mein Immunsystem einfach besonders schwach? Esse ich viel zu wenig Vitamine? Oder funktioniert mein Kreislauf nicht richtig? Ich begann auszuprobieren, um vorzubeugen. Sport, Vitaminpillen, Ernährungsumstellung, Ausleitung von Schwermetallen, Akupunktur - das volle Programm. Es beugte nur kurze Zeit vor. Doch ich fand keine passendere Erklärung auf meine Frage. Bis ich kürzlich ein Buch über Neurowissenschaften las. Da machte es “Klick” und alles hatte plötzlich einen Sinn.


Kampf oder Flucht: Ein Leben im Überlebensmodus

Die Evolution hat uns Menschen und Tieren eine Fähigkeit mitgegeben, die sich Überlebensmodus nennt. Diese Funktion bewirkt, dass in einer Gefahrensituation (z.b. früher beim Angriff eines wilden Tieres) unser Körper eine grosse Menge Energie freisetzt, die uns den Kampf oder die Flucht ermöglichen. In diesem Modus verliert unser Körper die chemische Balance und gerät in Stress, wir hegen Gefühle wie Furcht, Wut oder Trauer. Demgegenüber steht der Schöpfermodus, in dem wir uns im absoluten Gleichgewicht mit uns selbst und der Welt befinden, wir fühlen Liebe, Freude oder Vertrauen.


Wir Leben meist in der Vergangenheit oder Zukunft

“Manche leben mit einer so erstaunlichen Routine, dass es schwerfällt zu glauben, sie lebten zum ersten Male." Stanislaw Jerzy Lec

Der Überlebensmodus wird also aktiviert, wenn der Körper durch eine Erfahrung in der Umwelt aus den Fugen gerät. Als Beispiel aus der heutigen Zeit: Du triffst deinen streitsüchtigen Ex-Freund im Supermarkt. Im Unterschied zu Tieren können wir aber diese natürliche Stressreaktion auch aktivieren, ohne dass wir im Aussen eine für uns stressige Situation erleben, nämlich alleine durch die Kraft unserer Gedanken. Hast du dir auch schon vorgestellt, wie du auf diese jährliche Veranstaltung, ein Klassentreffen, ein Familienfest gehst und wie du dich wieder den ganzen Abend über die selbe Person nerven wirst? Und schon reagiert dein Körper mit Stress. Das selbe passiert, wenn du dich an eine ähnliche Situation aus der Vergangenheit zurückerinnerst. Wenn du dir z.B. noch wochenlang über das Treffen mit deinem streitsüchtigen Ex-Freund im Supermarkt Gedanken machst. Wir verlängern dadurch also eine an und für sich kurzfristige Stressreaktion rein durch unsere Gedanken an die Zukunft oder Vergangenheit. Sind wir häufig und für längere Zeit im Stressmodus, egal ob in “echt” oder in Gedanken, produziert unser Körper in diesen Phasen die immer wieder gleichen biochemischen Stoffe, die uns zum Kampf oder zur Flucht befähigen würden. Doch früher oder später kann unser Körper diesen "Produktionsaufwand" nicht mehr bewältigen und wir erleiden einen Zusammenbruch. Denn wenn du deinen Körper auf diesen ständigen Stress konditionierst, bleiben keinerlei Reserven mehr für die innere Abwehr, da diese ja für die Bewältigung der Notfallsituation freigesetzt wurden. Das Immun-, Verdauungs-, Hormonsystem etc. wird nicht mehr ausreichend versorgt und die logische Folge davon ist, dass du krank wirst. Eine an und für sich vorteilhafte Körperfunktion in der Evolution, der Überlebensmodus, wird zu einer Gesundheitsfalle.


Die negative Stress-Spirale


Zu diesem Erleben von Stress rein durch unsere Gedanken kommt jedoch ein weiterer Punkt, der uns im Überlebensmodus gefangen hält. Die Stressreaktion gibt dem Körper einen Energieschub - in etwa so wie bei einem dreifachen Espresso - und bringt ihn dazu, sich auf drei Dinge zu konzentrieren, die für den Kampf oder die Flucht von Bedeutung sind: Den Körper, die Umwelt und die Zeit. Dieses Wachrütteln des Körpers macht sehr leicht süchtig - genau so wie auch Kaffee - und wir wollen diesen Kick immer wieder erleben. Wir werden also süchtig nach Problemen und negativen Gedanken. Das wiederum führt vereinfacht gesagt dazu, dass wir uns auch immer mehr auf den Körper, die Umwelt und die Zeit fokussieren. Wir beginnen sogar aktiv, Stresssituationen zu suchen, indem wir bspw. unser Aussehen, unseren Besitz, unsere Erlebnisse etc. mit denen anderer Menschen vergleichen. Wir definieren uns zunehmend über den Körper, die Umwelt und die Zeit. Dadurch werden wir selbstgefällig, egozentrisch oder bemitleiden uns. Doch es gibt uns den Espresso-Kick und lässt uns wie ein Mensch fühlen, es macht uns (scheinbar) zu einem “Jemand”. Und genau deshalb ist es auch so schwierig, aus dieser Spirale auszubrechen, sich zu verändern und anders zu denken. Im Hier und Jetzt zu leben statt über die Vergangenheit oder Zukunft zu grübeln. Doch die gute Nachricht: Es gibt Techniken, die Stressreaktion im Körper zu minimieren. Dazu mehr in einem meiner nächsten Blogbeiträge.


wrap up


Stress macht deshalb krank, weil der Körper in stressigen Situationen oder bei negativen Gedanken einen biochemischen Ablauf in Gang setzt, der einen enormen Energieschub freisetzt. Diese Energie gibt uns (oder gab uns früher) den nötigen Kick für den Kampf oder die Flucht. Wird dieser biochemische Ablauf über längere Zeit aktiviert, hat der Körper zu wenig Energie um wichtige Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Als Folge wird man krank. Gleichzeitig macht uns dieser Energiekick jedoch so süchtig, dass wir uns zunehmend auf Dinge (Körper, Umwelt, Zeit) konzentrieren, die uns diesen Kick immer wieder geben können. Wir werden süchtig nach Stress und beginnen, uns darüber zu definieren. Und wie bei jeder Sucht über längere Zeit, gestaltet sich das Aussteigen irgendwann immer schwieriger.


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